Türkische Kultur
Viele Besucher sind überrascht, wenn Sie erstmals in die Türkei fahren
und in den Feriengebieten oder den Großstädten moderne türkische Frauen
ohne Kopftuch in westlichen Klamotten sehen, die mit Handys und
Notebooks hantieren, sich scherzend mit ihren männlichen Kollegen
unterhalten und sich völlig frei und locker verhalten. Wo sind die
Kopftücher? Wo sind die hart dreinblickenden Männer, die ihren Frauen
zehn Schritte vorausgehen und den Töchtern den Umgang mit männlichen
Freunden verbieten? Noch immer herrscht in den Köpfen vieler Europäer
das Bild der altertümlichen Türkei vor, in der die patriarchische
Gesellschaft und die religiösen Strukturen ein unbefangenes Miteinander
unmöglich machten.
Doch auch an der Türkei sind westliche und
selbst amerikanische Einflüsse nicht vorüber gegangen. Wer durch
Istanbul schlendert, findet durchaus auch McDonalds, westliche
Markengeschäfte, Internetcafés, Multimedia-Kaufhäuser und Studenten und
Studentinnen in Jeans und T-Shirt, die sich abends in Kneipen,
Diskotheken und Cafés treffen. Hier gehören zwar Wasserpfeife und Tee
eher zum Straßenbild als Bier und Kaffee, aber sonst sieht man kaum
Unterschiede zum westlichen Miteinander. Lediglich im Landesinneren, in
den Dörfern und Bergregionen sind die Teestuben den Männern vorbehalten
und es herrschen die klassische Rollenverteilung und die streng
islamische Kultur.
Da immer mehr junge Leute aus den Dörfern
in die Großstädte und Touristenregionen ziehen, studieren oder ihre
Ausbildung im europäischen Teil der Türkei machen und die moderne
Lebensweise - wenn auch manchmal gegen den Widerstand der Eltern -
durchsetzten, hat die Türkei in den letzten Jahrzehnten einen
gewaltigen Sprung in Richtung Toleranz und Modernität gemacht. Die
modernen Medien, die inzwischen auch in abgelegenen Dörfern Einzug
gehalten haben, tragen sicher ihren Teil dazu bei. Beide Lebensweisen -
die moderne und die traditionelle - werden von der breiten Masse
akzeptiert. Gegebenenfalls passt man sich in entsprechender Umgebung
kurzfristig an, um den älteren Generationen nicht vor den Kopf zu
stoßen. Ebenfalls ein Zeichen von gegenseitigem Respekt. Frauen haben
es heute zwar noch immer nicht ganz so leicht wie die Männer, aber in
einem Land, in dem zwei völlig unterschiedliche Lebenseinstellungen und
ein starkes Religionsempfinden aufeinander treffen, sind
alteingefahrene Strukturen nur mit viel Geduld zu durchbrechen. Fakt
ist, dass sich junge Frauen - selbst in den Dörfern - mehr und mehr
durchsetzen, eine Ausbildung machen und ihre Familienplanung, inklusive
Wahl des Ehepartners, frei und eigenständig in die Hand nehmen. In den
Großstädten sind solche Fragen ohnehin lange kein Thema mehr.
Was
seit Jahrhunderten in allen Teilen der Türkei gleich geblieben ist, ist
die enge Bindung zur Familie. Großfamilien sind nicht die Ausnahme
sondern die Norm. Man kümmert sich umeinander, hilft sich gegenseitig,
feiert Feste gemeinsam und trifft sich zum gemeinsamen Essen. Trotz
aller Reformen werden diese Werte auch von der jungen Generation
hochgehalten und gepflegt. Ebenso wie die Gastfreundschaft, die schon
so manchen Touristen überrascht und gerührt hat. Die Freundlichkeit und
Fürsorge, die einem von völlig fremden Menschen entgegengebracht wird,
führt oftmals zu dem falschen Eindruck, dass eine eigennützige Absicht
dahinter steckt. Da wird man zum Tee eingeladen, in den Dörfern werden
sogar spontan große Festessen für den Besuch zubereitet, Passanten
nehmen sich Zeit, um den Weg zu weisen oder rufen sogar Freunde und
Verwandte an, um weiterzuhelfen. Einheimische setzen sich an den Tisch,
erzählen von ihrem Land und ihren Familien und hören sich sichtlich
interessiert die Geschichten der Gäste an, selbst wenn sie wegen der
Sprachbarriere mit Händen und Füßen vorgetragen werden. Ein gänzlich
anderer Umgang mit Fremden als es bei uns der Fall ist. Die
Gastfreundschaft ist im Koran, der „Bibel“ des Islam, verankert und
ist somit eine Selbstverständlichkeit ohne eigennützige Absicht. Es
gilt daher als unhöflich, die Einladung zum Tee oder zum Essen
abzulehnen.
Gehen Sie also ruhig offen auf die Einladungen ein und freuen Sie sich über den herzlichen Umgang!